Italien – der Ursprung der Tastmuseen

Die Erfindung von taktilen Reliefs und Objekten geht auf die Bildhauerei in Italien und die Tradition der italienischen „Museo Tattile“ zurück, die eng mit der Pionierarbeit für Barrierefreiheit und Inklusion ab Mitte der 1980er Jahre verbunden ist. Das bekannteste taktile Museum Italiens ist das Museo Tattile Statale Omero in Ancona. Weitere wichtige taktile Museen gibt es in Varese, Bologna und Stresa.

Das Museo Tattile Statale Omero in Ancona beherbergt über 200 taktile Modelle, darunter verkleinerte Architekturmodelle berühmter Stätten (z.B. Petersdom, Parthenon), 1:1-Nachbildungen der Pietà von Michelangelo sowie originale zeitgenössische Skulpturen, die allesamt ertastet werden können und sollen. Auch für Sehende ein intensives Erlebnis, das mit verbundenen Augen angeboten wird.

Echte Abgüsse aus Gips und Harz von Meisterwerken der klassischen Kunst, vom antiken Griechenland bis zum Neoklassizismus, stehen im Dialog mit architektonischen Modellen. Berühmte Beispiele sind die Venus von Milo und das maßstabsgetreue Modell des Parthenon, die Kapitolinische Wölfin, das Querschnittsmodell des Pantheon, die Kacheln des Glockenturms von Giotto und das Modell der Piazza dei Miracoli in Pisa.

Ein Raum ist den Originalskulpturen zeitgenössischer Kunst aus dem figurativen und informellen Bereich gewidmet (darunter Giorgio De Chirico, Pietro Consagra, Arturo Martini, Marino Marini, Arnoldo Pomodoro).

Das 1993 von der Gemeinde Ancona mit Unterstützung der Region Marken auf Initiative der Italienischen Blindenunion gegründete Museum wurde 1999 als staatliches Museum anerkannt. Seitdem ist es zu einem internationalen Bezugspunkt für die ästhetische Bildung von Blinden und Sehbehinderten geworden und hat die Nutzung der Kunst durch Multisensorik weltweit neu belebt.

Das Museo bietet zudem ein breites Spektrum an Dienstleistungen an: Schulungen und Fortbildungen zum Thema Barrierefreiheit im Umgang mit kulturellem Erbe, Beratung für inklusive Ausstellungen sowie die Produktion von Tastobjekten. Es verfügt über ein Dokumentations- und Forschungszentrum, das auf die Bereiche Pädagogik, Ästhetik und Barrierefreiheit im Kulturerbe spezialisiert ist.

Das Museo Tattile di Varese in der historischen Villa Baragiola in der Lombardei verfügt über eine Art dreidimensionale Enzyklopädie mit über sechzig Tastmodellen, zumeist aus Holz. Der Fokus liegt auf Architektur, archäologischen Stätten und landschaftlichen Modellen.

Das Museo Tattile in Bologna ist ebenfalls ein spezialisiertes Kunstmuseum, das dreidimensionale Nachbildungen von Gemälden ausstellt, die von der Mittelalter bis zur modernen Kunst reichen. Die Sammlung umfasst etwa sechzig Flachreliefs, die es Besuchern ermöglichen, die Werke durch Berührung zu erkunden.

Das Museum betreibt ein eigenes Modellierlabor, in dem blinde Schüler:innen Tonmodelle von Kunstwerken erstellen, die sie studiert haben. Dieses praktische Handwerk ermöglicht es den Teilnehmer:innen, ihre Verbindung zur Kunst durch den kreativen Prozess selbst zu vertiefen.

Das Museo Tattile di Scienze Naturali in Stresa, in der Seenregion im Norden Italiens unweit der Schweizer Grenze, ist ein taktiles Museum für Naturwissenschaften, das die Tier- und Pflanzenwelt der lokalen See- und Bergregionen vermittelt.